Eltern als Paar

Beziehung nach der Geburt: wieder zueinanderfinden, auch wenn ihr erschöpft seid

Seit der Geburt lauft ihr eher aneinander vorbei, als dass ihr euch begegnet? Das geht vielen Paaren so, und es heißt nicht, dass die Liebe geht. Schlaf, Mental Load und Zeit zu zweit sind durch den Mixer gegangen. Was am meisten hilft, passt in kleine Gesten: jeden Tag Zuneigung, Interesse für das, was der andere erlebt, und Probleme, die ihr zu zweit löst.

Warum wackelt das Paar nach einer Geburt?

Ein Baby verändert alles auf einmal: den Schlaf, die Tagesabläufe, den Körper nach der Geburt, die Organisation zu Hause, die Beziehung zu den Familien. In diesem Sturm kommt das Paar nach allem Dringenden. Normal: Ein Neugeborenes kann nicht warten.

67 %
der Mütter in einer Studie der University of Washington waren nach der Geburt weniger zufrieden mit ihrer Beziehung, gegenüber 49 % der Frauen ohne Kinder.Shapiro, Gottman und Carrère, 2000
218 Paare
wurden acht Jahre lang begleitet: Gleich nach dem ersten Kind sinkt die Qualität der Beziehung, leicht bis mäßig, bei Müttern wie bei Vätern.Doss et al., 2009

Es ist also kein persönliches Scheitern und nicht das Ende eurer Geschichte, sondern eine Neuordnung, die viele Paare erleben. Oft spricht man von einer Beziehungskrise nach der Geburt.

Die Beziehungskrise nach der Geburt verstehen →

Wie lange dauert das?

Eine typische Dauer gibt es nicht. Die ersten Monate sind oft die härtesten, bis die Nächte länger werden und sich eine neue Organisation einspielt.

Aber zu warten, bis es „vorbeigeht“, reicht nicht immer: In der Studie, die die Paare acht Jahre lang begleitete, verschwand der Rückgang nach der Geburt nicht von allein. Deshalb lohnt es sich, früh zu handeln, in kleinen Schritten, bevor sich die Distanz festsetzt.

Die fünf Bereiche, in denen es hakt

Die Spannungen nach einer Geburt spielen sich fast immer in denselben Bereichen ab. Sie zu benennen, verhindert schon, dass ihr über das Falsche streitet.

Der Schlaf

Wer in Zwei-Stunden-Häppchen schläft, wird gereizt, jeder. Streit um drei Uhr morgens dreht sich selten um das eigentliche Thema.

Zum Ausprobieren: Plant die Nächte im Voraus: abwechselnd, oder am Wochenende eine ganze Nacht für jeden.

Der Mental Load

Der Termin für die U-Untersuchung, die Windeln, der Body, der zu klein geworden ist: Wenn nur eine Person diese Liste im Kopf trägt, wird aus Müdigkeit Groll. Laut Destatis leisten Mütter in Paaren mit einem Kind unter 6 Jahren fast 48 Stunden unbezahlte Arbeit pro Woche, Väter 30.

Zum Ausprobieren: Schreibt zusammen auf, woran alles gedacht werden muss, und teilt euch ganze Bereiche auf statt einzelner Aufgaben.

Die Liste „Wer denkt an was?“ machen →

Die Zeit zu zweit

Die Gespräche schrumpfen auf Logistik zusammen. Ohne Momente für euch funktioniert ihr am Ende wie eine sehr effiziente WG.

Zum Ausprobieren: Zehn Minuten am Tag, ohne Bildschirm und ohne über die Kinder zu reden.

Eine Idee für heute Abend ziehen →

Die Lust

Müdigkeit, ein Körper, der sich verändert, Hormone, null Privatsphäre: Die Lust lässt oft auf sich warten, und nicht bei beiden im gleichen Tempo. Das ist häufig, und man kann darüber reden.

Zum Ausprobieren: Findet über Zärtlichkeit ohne Erwartungen zurück: eine Umarmung, eine Massage, ein liebes Wort. Bei medizinischen Fragen sind Hebamme oder Frauenarztpraxis die richtige Adresse.

Nähe wiederfinden, in eurem Tempo →

Die neuen Rollen

Jeder entdeckt seine Rolle als Mutter oder Vater, mit Zweifeln und Erwartungen, die nicht immer zu denen des anderen passen. Das „So macht man das nicht“ kommt schnell.

Zum Ausprobieren: Sagt, was ihr erwartet, bevor daraus ein Vorwurf wird.

Streiten, ohne euch wehzutun →

Was das Paar schützt

Die Studie der University of Washington hat nicht nur die Paare in Schwierigkeiten gezählt. Bei den Müttern, deren Zufriedenheit stabil blieb, zeigte der Partner Zuneigung und blieb aufmerksam für sie und die Beziehung; ein Alltag, der als chaotisch beschrieben wurde, kündigte dagegen einen Rückgang an. Die Hauptautorin leitet daraus drei Ratschläge ab:

  1. Zuneigung pflegenSagen, was ihr am anderen mögt, euch berühren, euch bedanken. Nicht nur an den Tagen, an denen alles gut läuft.
  2. Aufmerksam bleiben für das, was der andere erlebtSeinen Tag, seine Sorgen, seine Wünsche, nicht nur den Terminkalender. Und antworten, auch wenn es nur zwei Sätze sind.
  3. Probleme zu zweit lösenIhr zwei gegen das Problem, statt einer gegen den anderen.

Nichts Spektakuläres: Gesten von ein paar Minuten, zum Wiederholen.

Ein Plan für vier Wochen

Keine Großbaustelle: ein kleiner Schritt pro Woche, in eurem Tempo.

  1. Woche 1

    Bestandsaufnahme

    Jeder schreibt auf, was ihn am meisten erschöpft und was ihm guttun würde. Vergleicht, ohne zu urteilen.

    Den Paartest für Eltern machen →
  2. Woche 2

    Nächte und Last neu ordnen

    Eine gemeinsame Liste von allem, woran gedacht werden muss, verteilte Bereiche und eine klare Ablösung für die Nächte.

    Die Liste zu zweit machen →
  3. Woche 3

    Ein Zehn-Minuten-Ritual starten

    Jeden Tag zehn Minuten nur für euch zwei, ohne Bildschirm und ohne Logistik.

    Eine Idee aussuchen →
  4. Woche 4

    Noch einmal Bilanz ziehen

    Was sich verändert hat, was ihr behaltet, und das Datum eures nächsten echten Abends zu zweit.

Wann solltet ihr mit einer Fachperson sprechen?

Diese Seite gibt keinen medizinischen Rat. Manche Anzeichen solltet ihr aber mit einer Fachperson besprechen, egal wen von euch beiden es betrifft:

  • Traurigkeit, Angst oder Erschöpfung halten an und nehmen den ganzen Raum ein.
  • Ihr streitet täglich oder verletzend, oder ihr könnt gar nicht mehr miteinander reden.
  • Einer von euch hat Angst vor dem anderen.

An wen ihr euch wenden könnt: eure Hebamme, die Frauenarzt-, Kinderarzt- oder Hausarztpraxis, eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut, eine Paar- und Familienberatungsstelle.

In Deutschland zahlt die gesetzliche Krankenkasse die Betreuung durch eine Hebamme im Wochenbett, bis zwölf Wochen nach der Geburt, auch bei euch zu Hause. Sie ist nicht nur für Stillen und Gewicht da: Ihr könnt mit ihr auch über Stimmung, Schlaf und eure Beziehung reden.

Wenn es euch seelisch sehr schlecht geht: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr da, kostenlos und anonym, unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Das Elterntelefon hört Eltern montags bis freitags zu, kostenlos und anonym: 0800 111 0 550. In Österreich erreicht ihr die Telefonseelsorge unter 142, in der Schweiz Die Dargebotene Hand unter 143.

Bei Gewalt in der Beziehung: Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ berät rund um die Uhr, kostenlos und anonym, unter 116 016, auch in 18 Fremdsprachen. In Österreich: Frauenhelpline 0800 222 555. In der Schweiz: Opferhilfe 142. Bei akuter Gefahr: 110 in Deutschland, 133 in Österreich, 117 in der Schweiz, oder 112.

Eure Fragen

Ist es normal, sich nach der Geburt vom Partner entfernt zu fühlen?

Ja, das ist sehr häufig. Schlafmangel, Mental Load und die Zeit, die das Baby braucht, bringen viele Paare in den ersten Monaten auf Abstand. Das heißt nicht, dass die Liebe geht. Kleine, regelmäßige Momente zu zweit und eine bessere Aufteilung der Aufgaben helfen oft, wieder zueinanderzufinden.

Wie lange dauert die Beziehungskrise nach der Geburt?

Eine typische Dauer gibt es nicht. Die ersten Monate sind oft die härtesten, bis sich eine neue Organisation einspielt. Aber der Rückgang kann bleiben, wenn sich nichts ändert: Besser früh handeln, in kleinen Schritten.

Wie findet man nach der Geburt wieder zueinander?

Eher in kleinen Schritten als mit einem großen Wochenende: jeden Tag eine Geste der Zuneigung, Interesse für das, was der andere erlebt, und Probleme, die ihr zu zweit löst, wie es die Studie der University of Washington nahelegt. Dazu eine bessere Aufteilung der Nächte und des Mental Load, und jeden Abend zehn Minuten nur für euch. Der Vier-Wochen-Plan auf dieser Seite hilft beim Start.

Wie unterstützt man den anderen nach der Geburt?

Indem ihr fragt, was wirklich helfen würde, statt zu raten, klare Ablösungen plant, nachts und am Wochenende, und euch für konkrete Gesten bedankt. Zuhören, ohne sofort eine Lösung zu suchen, hilft auch sehr. Und wenn Traurigkeit oder Erschöpfung bleiben, schlagt vor, gemeinsam Hilfe zu holen.

Ist es egoistisch, mit Baby an die Beziehung zu denken?

Nein. Wer sich um die Beziehung kümmert, kümmert sich auch um das Kind, das mitten in dieser Beziehung aufwächst. Zehn Minuten zu zweit am Abend nehmen ihm nichts weg, und oft tun sie euch für den nächsten Tag gut.

Seit der Geburt denken wir an Trennung. Was tun?

Dieser Gedanke geht vielen frischgebackenen Eltern in schweren Momenten durch den Kopf. Entscheidet nicht mitten in der Erschöpfung: Redet zu zweit darüber, wenn ihr ausgeruht seid, und holt euch Unterstützung bei einer Paarberatung oder einer Psychotherapeutin. Viele Paare finden wieder zueinander, wenn der Sturm vorbei ist.

Zitierte Studien und Daten